Генрих Белль. Путник, придешь когда в Спа... (GERM)



Heinrich Bull
Wanderer, kommst du nach Spa... (1950)

Печатный источник:
Heinrich Bull. Mein trauriges Gesicht, Moskau, 1968
OCR, Spellcheck: Илья Франк
Als der Wagen hielt, brummte der Motor noch eine Weile; draußen wurde irgendwo ein groXes Tor aufgerissen. Licht fiel durch das zertrXmmerte Fenster in das Innere des Wagens, und ich sah jetzt, dass auch die GlXhbirne oben an der Decke zerfetzt war; nur ihr Gewinde stak noch in der SchraubXffnung, ein paar flimmernde DrXhtchen mit Glasresten. Dann hXrte der Motor auf zu brummen, und drauXen schrie eine Stimme: "Die Toten hierhin, habt ihr Tote dabei?"
"Verflucht", rief der Fahrer zurXck, "verdunkelt ihr schon nicht mehr?"
"Da nXtzt kein Verdunkeln mehr, wenn die ganze Stadt wie eine Fackel brennt", schrie die fremde Stimme. "Ob ihr Tote habt, habe ich gefragt?"
"WeiX nicht."
"Dle Toten hierhin, hXrst du? Und die anderen die Treppe hinauf in den Zeichensaal, verstehst du?"
"Ja, ja."
Aber ich war noch nicht tot, ich gehXrte zu den anderen, und sie trugen mich die Treppe hinauf. Erst ging es in einen langen, schwach beleuchteten Flur, dessen WXnde mit grXner ulfarbe gestrichen waren; krumme, schwarze, altmodische Kleiderhaken waren in die WXnde eingelassen, und da waren TXren mit Emailleschildchen VI a und VI b, und zwischen diesen TXren hing, sanftglXnzend unter Glas in einem schwarzen Rahmen, die Medea von Feuerbach und blickte in die Ferne; dann kamen TXren mit V a und V b, und dazwischen hing ein Bild des Dornausziehers, eine wunderbare rXtlich schimmernde Fotografie in braunem Rahmen. Auch die groXe SXule in der Mitte vor dem Treppenaufgang ar da, und hinter ihr, lang und schmal, wunderbar gemacht, eine Nachbildung des Parthenonfrises in Gips, gelblich schimmernd, echt, antik, und alles kam, wie es kommen musste: der griechische Hoplit, bunt und gefXhrlich, wie ein Hahn sah er aus, gefiedert, und im Treppenhaus selbst, auf der Wand, die hier mit gelber ulfarbe gestrichen war, da hingen sie alle der Reihe nach: vom GroXen KurfXrsten bis Hitler
Und dort, in dem schmalen kleinen Gang, wo ich endlich wieder fXr ein paar Schritte gerade auf meiner Bahre lag, da war das besonders schXne, besonders groXe, besonders bunte Bild des Alten Fritzen mit der himmelblauen Uniform, den strahlenden Augen und dem groXen, golden glXnzenden Stern auf der Brust.
Wieder lag ich dann schief auf der Bahre und wurde vorbeigetragen an den Rassegesichtern: da war der nordische KapitXn mit dem Adlerblick und dem dummen Mund, die westische Moselanerin, ein bisschen hager und scharf, der ostische Grinser mit der Zwiebelnase und das lange adamsapfelige Bergfilmprofil; und dann kam wieder ein Flur, wieder lag ich fXr ein paar Schritte gerade auf meiner Bahre, und bevor die TrXger in die zweite Treppe hineinschwenkten, sah ich es noch eben: das Kriegerdenkmal mit dem groXen, goldenen Eisernen Kreuz obendrauf und dem steinernen Lorbeerkranz.
Das ging alles sehr schnell: ich bin nicht schwer, und die TrXger rasten. Immerhin: alles konnte auch TXuschung sein; ich hatte hohes Fieber, hatte Xberall Schmerzen. Im Kopf, in den Armen und Beinen, und mein Herz schlug wie verrXckt; was sieht man nicht alles im Fieber!
Aber als wir an den Rassegesichtern vorbei waren, kam alles andere: die drei BXsten von CXsar, Cicero, Marc Aurel, brav nebeneinander, wunderbar nachgemacht, ganz gelb und echt, antik und wXrdig standen sie an der Wand, und auch die HermessXule kam, als wir um die Ecke schwenkten, und ganz hinten im Flur X der Flur war hier rosenrot gestrichen X ganz, ganz hinten im Flur hing die groXe Zeusfratze Xber dem Eingang zum Zeichensaal; doch die Zeusfratze war noch weit. Rechts sah ich durch das Fenster den Feuerschein, der ganze Himmel war rot, und schwarze, dicke Wolken von Qualm zogen feierlich vorXber... Und wieder musste ich links sehen, und wieder sah ich Schildchen Xber den TXren 0 Ia und 0 Ib, und zwischen den brXunlichen muffigen TXren sah ich nur Nietzsches Schnurrbart und seine Nasenspitze in einem goldenen Rahmen, denn sie hatten die andere HXlfte des Bildes mit einem Zettel Xberklebt, auf dem zu lesen war: "Leichte Chirurgie"...
Wenn jetzt, dachte ich flXchtig Xwenn jetzt ... aber da war es schon: das Bild von Togo, bunt und groX, flach wie ein alter Stich, ein prachtvoller Druck, und vorne, vor den KolonialhXusern, vor den Negern und dem Soldaten, der da sinnlos mit seinem Gewehr herumstand, vor allem war das groXe, ganz naturgetreu abgebildete BXndel Bananen: links ein BXndel, rechts ein BXndel, und auf der mittleren Banane im rechten BXndel, da war etwas hingekritzelt, ich sah es; ich selbst musste es hingeschrieben haben ...
Aber nun wurde die TXr zum Zeichensaal aufgerissen, und ich schwebte unter der ZeusbXste hinein und schloss die Augen. Ich wollte nichts mehr sehen. Der Zeichensaal roch nach Jod, ScheiXe, Mull und Tabak, und es war laut. Sie setzten mich ab, und ich sagte zu den TrXgern: "Steck mir 'ne Zigarette in den Mund, links oben in der Tasche."
Ich spXrte, wie einer mir an der Tasche herumfummelte, dann zischte ein Streichholz, und ich hatte die brennende Zigarette im Mund. Ich zog daran. "Danke", sagte ich.
Alles das, dachte ich, ist kein Beweis. Letzten Endes gibt es in jedem Gymnasium einen Zeichensaal, GXnge, in denen krumme, alte Kleiderhaken in grXn- und gelbgestrichene WXnde eingelassen sind; letzten Endes ist kein Beweis, dass ich in meiner Schule bin, wenn die Medea zwischen VI a und VI b hXngt und Nietzsches Schnurrbart zwischen 0 Ia und 0 Ib. Gewiss gibt es eine Vorschrift, die besagt, dass er da hXngen muss. Hausordnung fXr humanistische Gymnasien in PreuXen: Medea zwischen VI a und VI b, Dornauszieher dort, CXsar, Marc Aurel und Cicero im Flur und Nietzsche oben, wo sie schon Philosophie lernen. Parthenonfries, ein buntes Bild von Togo. Dornauszieher und Parthenonfries sind schlieXlich gute, alte, generationenlang bewXhrte Schulrequisiten, und gewiss bin ich nicht der einzige, der den Einfall gehabt hat, auf eine Banane zu schreiben: Es lebe Togo. Auch die Witze, die sie in den Schulen machen, sind immer dieselben. Und auXerdem besteht die MXglichkeit, dass ich Fieber habe, dass ich trXume.
Schmerzen hatte ich jetzt nicht mehr. Im Auto war es noch schlimm gewesen; wenn sie durch die kleinen SchlaglXcher fuhren, schrie ich jedesmal; da waren die groXen Trichter schon besser: das Auto hob und senkte sich wie ein Schiff in einem Wellental. Aber jetzt schien die Spritze schon zu wirken, die sie mir irgendwo im Dunkeln in den Arm gehauen hatten: ich hatte gespXrt, wie die Nadel sich durch die Haut bohrte und wie es unten am Bein ganz heiX wurde.
Es kann ja nicht wahr sein, dachte ich, so viele Kilometer kann das Auto ja gar nicht gefahren sein: fast dreiXig. Und auXerdem: du spXrst nichts; kein GefXhl sagt es dir, nur die Augen; kein GefXhl sagt dir, dass du in deiner Schule bist, in deiner Schule, die du vor drei Monaten erst verlassen hast. Acht Jahre sind keine Kleinigkeit, solltest du nach acht Jahren das alles nur mit den Augen erkennen?
Hinter meinen geschlossenen Lidern sah ich alles noch einmal, wie ein Film lief es ab: unterer Flur, grXn gestrichen, Treppe rauf, gelb gestrichen, Kriegerdenkmal, Flur, Treppe rauf, CXsar, Cicero, Marc Aurel ... Hermes, Nietzscheschnurrbart, Togo, Zeusfratze ...
Ich spuckte meine Zigarette aus und schrie; es war immer gut, zu schreien; man musste nur laut schreien; schreien war herrlich; ich schrie wie verrXckt. Als sich jemand Xber mich beugte, machte ich immer noch nicht die Augen auf; ich spXrte einen fremden Atem, warm und widerlich roch er nach Tabak und Zwiebeln, und eine Stimme fragte ruhig:
"Was ist es denn?"
"Was zu trinken", sagte ich, "und noch 'ne Zigarette, die Tasche oben."
Wieder fummelte einer an meiner Tasche herum, wieder zischte ein Streichholz, und jemand steckte mir 'ne brennende Zigarette in den Mund.
"Wo sind wir?" fragte ich.
"In Bendorf."
"Danke", sagte ich und zog.
Immerhin schien ich wirklich in Bendorf zu sein, zu Hause also, und wenn ich nicht auXergewXhnlich hohes Fieber hatte, stand wohl fest, dass ich in einem humanistischen Gymnasium war: eine Schule war es bestimmt. Hatte die Stimme unten nicht geschrien: "Die anderen in den Zeichensaal!"? Ich war ein anderer, ich lebte; die lebten, waren offenbar die anderen. Der Zeichensaal war also da, und wenn ich richtig hXrte, warum sollte ich nicht richtig sehen, und dann stimmte es wohl auch, dass ich CXsar, Cicero und Marc Aurel erkannt hatte, und das konnte nur in einem humanistischen Gymnasium sein; ich glaube nicht, dass sie diese Kerle in den anderen Schulen auf den Fluren an die Wand stellen.
Endlich brachte er mir Wasser: wieder roch ich den Tabak- und Zwiebelatem aus seinem Gesicht, und ich machte, ohne es zu wollen, die Augen auf: da war ein mXdes, altes, unrasiertes Gesicht Xber einer Feuerwehruniform, und eine alte Stimme sagte leise: "Trink, Kamerad!"
Ich trank; es war Wasser, aber Wasser ist herrlich; ich spXrte den metallenen Geschmack des Kochgeschirrs auf meinen Lippen, und es war schXn zu spXren, welch eine Menge Wasser noch nachdrXngte, aber der Feuerwehrmann riss mir das Kochgeschirr von den Lippen und ging: ich schrie, aber er wandte sich nicht um, zuckte nur mXde die Schultern und ging weiter; einer, der neben mir lag, sagte ruhig: "Hat gar keinen Zweck zu brXllen, sie haben nicht mehr Wasser; die Stadt brennt, du siehst es doch."
Ich sah es durch die Verdunkelung hindurch, es glXhte und wummerte hinter den schwarzen VorhXngen, Rot hinter Schwarz, wie in einem Ofen, auf den man neue Kohlen geschXttet hat. Ich sah es: ja, die Stadt brannte.
"Wie heiXt die Stadt?" fragte ich den, der neben mir lag.
"Bendorf", sagte er.
"Danke."
Ich blickte ganz gerade vor mich hin auf die Fensterreihe und manchmal zur Decke. Die Decke war noch tadellos, weiX und glatt, mit einem schmalen klassizistischen Stuckrand; aber sie haben doch in allen Schulen klassizistische StuckrXnder an den Decken in den ZeichensXlen, wenigstens in den guten, alten humanistischen Gymnasien. Das ist doch klar.
Ich musste mir jetzt zugestehen, dass ich im Zeichensaal eines humanistischen Gymnasiums in Bendorf lag. Bendorf hat drei humanistische Gymnasien: die Schule "Friedrich der GroXe", die Albertus-Schule und X vielleicht brauche ich es nicht zu erwXhnen X aber die letzte, die dritte war die Adolf-Hitler-Schule. Hing nicht in der Schule "Friedrich der GroXe" das Bild des Alten Fritz besonders bunt, besonders schXn, besonders groX im Treppenhaus? Ich war auf dieser Schule gewesen, acht Jahre lang, aber warum konnte nicht in den anderen Schulen dieses Bild genauso an derselben Stelle hXngen, so deutlich und auffallend, dass es den Blick fangen musste, wenn man die erste Treppe hinaufstieg? DrauXen hXrte ich jetzt die schwere Artillerie schieXen. Sonst war es fast ruhig; nur manchmal drang das Fressen der Flammen durch, und im Dunkeln stXrzte irgendwo ein Giebel ein. Die Artillerie schoss ruhig und regelmXig, und ich dachte: Gute Artillerie! Ich weiX, das ist gemein, aber ich dachte es. Mein Gott, wie beruhigend war die Artillerie, wie gemXtlich: dunkel und rauh, ein sanftes, fast feines Orgeln. Irgendwie vornehm. Ich finde, die Artillerie hat etwas Vornehmes, auch wenn sie schieXt. Es hXrt sich so anstXndig an, richtig nach Krieg in den BilderbXchern ... Dann dachte ich daran, wie viel Namen wohl auf dem Kriegerdenkmal stehen wXrden, wenn sie es wieder einweihten, mit einem noch grXeren goldenen Eisernen Kreuz darauf und einem noch grXeren steinernen Lorbeerkranz, und plXtzlich wusste ich es: wenn ich wirklich in meiner alten Schule war, wXrde mein Name auch darauf stehen, eingehauen in Stein, und im Schulkalender wXrde hinter meinem Namen stehen X "zog von der Schule ins Feld und fiel fXr ..."
Aber ich wusste noch nicht wofXr und wusste noch nicht, ob ich in meiner alten Schule war. Ich wollte es jetzt unbedingt herauskriegen. Am Kriegerdenkmal war auch nichts Besonderes gewesen, nichts Auffallendes, es war wie Xberall, es war ein Konfektionskriegerdenkmal, ja sie bekamen sie aus irgend einer Zentrale ...
Ich sah mir den Zeichensaal an, aber die Bilder hatten sie abgehXngt, und was ist schon an ein paar BXnken zu sehen, die in einer Ecke gestapelt sind, und an den Fenstern, schmal und hoch, viele nebeneinander, damit viel Licht hereinfXllt, wie es sich fXr einen Zeichensaal gehXrt? Mein Herz sagte mir nichts. HXtte es nicht etwas gesagt, wenn ich in dieser Bude gewesen wXre, wo ich acht Jahre lang Vasen gezeichnet und Schriftzeichen geXbt hatte, schlanke, feine, wunderbar nachgemachte rXmische Glaswasen, die der Zeichenlehrer vorne auf einen StXnder setzte, und Schriften aller Art, Rundschrift, Antiqua, RXmisch, Italienne? Ich hatte diese Stunden gehasst wie nichts in der ganzen Schule, ich hatte die Langeweile gefressen stundenlang, und niemals hatte ich Vasen zeichnen kXnnen oder Schriftzeichen malen. Aber wo waren meine FlXche, wo war mein Hass angesichts dieser dumpfgetXnten, langweiligen WXnde? Nichts sprach in mir, und ich schXttelte stumm den Kopf.
Immer wieder hatte ich radiert, den Bleistift gespitzt, radiert ... nichts ...
Ich wusste nicht genau, wie ich verwundet war; ich wusste nur, dass ich meine Arme nicht bewegen konnte und das rechte Bein nicht, nur das linke ein bisschen; ich dachte, sie hXtten mir die Arme an den Leib gewickelt, so fest, dass ich sie nicht bewegen konnte.
Ich spuckte die zweite Zigarette in den Gang zwischen den StrohsXcken und versuchte, meine Arme zu bewegen, aber es tat so weh, dass ich schreien musste; ich schrie weiter; es war immer wieder schXn, zu schreien; ich hatte auch Wut, weil ich die Arme nicht bewegen konnte.
Dann stand der Arzt vor mir; er hatte die Brille abgenommen und blinzelte mich an; er sagte nichts; hinter ihm stand der Feuerwehrmann, der mir das Wasser gegeben hatte. Er flXsterte dem Arzt etwas ins Ohr, und der Arzt setzte die Brille auf: deutlich sah ich seine groXen grauen Augen mit den leise zitternden Pupillen hinter den dicken BrillenglXsern. Er sah mich lange an, so lange, dass ich wegsehen musste, und er sagte leise: "Augenblick. Sie sind gleich an der Reihe ..."
Dann hoben sie den auf, der neben mir lag, und trugen ihn hinter die Tafel; ich blickte ihnen nach: sie hatten die Tafel auseinandergezogen und quer gestellt und die LXcke zwischen Wand und Tafel mit einem Bettuch zugehXngt; dahinter brannte grelles Licht ...
Nichts war zu hXren, bis das Tuch wieder beiseite geschlagen und der, der neben mir gelegen hatte, hinausgetragen wurde: mit mXden, gleichgXltigen Gesichtern schleppten die TrXger ihn zur TXr.
Ich schloss wieder die Augen und dachte, du musst doch herauskriegen, was du fXr eine Verwundung hast und ob du in deiner alten Schule bist.
Mir kam das alles so kalt und gleichgXltig vor, als hXtten sie mich durch das Museum einer Totenstadt getragen, durch eine Welt, die mir ebenso gleichgXltig wie fremd war, obwohl meine Augen sie erkannten, nur meine Augen; es konnte doch nicht wahr sein, dass ich vor drei Monaten noch hier gesessen, Vasen gezeichnet und Schriften gemalt hatte, dass ich in den Pausen hinuntergegangen war mit meinem Marmeladenbutterbrot, vorbei an Nietzsche, Hermes, Togo, CXsar, Cicero, Marc Aurel, ganz langsam bis an den Flur unten, wo die Medea hing, dann zum Hausmeister, zu Birgeler, um Milch zu trinken, Milch in diesem dXmmerigen kleinen StXbchen, wo man es auch riskieren konnte, eine Zigarette zu rauchen, obwohl es verboten war. Sicher trugen sie den, der neben mir gelegen hatte, unten hin, wo die Toten lagen, vielleicht lagen die Toten in Birgelers grauem kleinem StXbchen, wo es nach warmer Milch roch, nach Staub und Birgelers schlechtem Tabak ... Endlich kamen die TrXger wieder herein, und jetzt hoben sie mich auf und trugen mich hinter die Tafel. Ich schwebte wieder, jetzt an der TXr vorbei, und im Vorbeischweben sah ich, dass auch das stimmte: Xber der TXr hatte einmal ein Kreuz gehangen, als die Schule noch Thomas-Schule hieX, und damals hatten sie das Kreuz weggemacht, aber da blieb ein frischer dunkelgelber Fleck an der Wand, kreuzfXrmig, hart und klar, der fast noch deutlicher zu sehen war als das alte, schwache, kleine Kreuz selbst, das sie abgehXngt hatten; sauber und schXn blieb das Kreuzzeichen auf der verschossenen TXnche der Wand. Damals hatten sie aus Wut die ganze Wand neu gepinselt, aber es hatte nichts genXtzt; der Anstreicher hatte den Ton nicht richtig getroffen: das Kreuz blieb da, brXunlich und deutlich, aber die ganze Wand war rosa. Sie hatten geschimpft, aber es hatte nichts genXtzt: das Kreuz blieb da, braun und deutlich auf dem Rosa der Wand, und ich glaube, ihr Etat fXr Farbe war erschXpft und sie konnten nichts machen. Das Kreuz war noch da, und wenn man genau hinsah, konnte man sogar noch eine deutliche SchrXgspur Xber dem rechten Balken sehen, wo jahrelang der Buchsbaumzweig gehangen hatte, den der Hausmeister BirgeIer dorthinter klemmte, als es noch erlaubt war, Kreuze in die Schulen zu hXngen ...
Das alles fiel mir in der kleinen Sekunde ein, als ich an der TXr vorbeigetragen wurde hinter die Tafel, wo das grelle Licht brannte.
Ich lag auf dem Operationstisch und sah mich selbst ganz deutlich, aber sehr klein, zusammengeschrumpft, oben in dem klaren Glas der GlXhbirne, winzig und weiX, ein schmales, mullfarbenes Paketchen wie ein auXergewXhnlich subtiler Embryo: das war also ich da oben.
Der Arzt drehte mir den RXcken zu und stand an einem Tisch, wo er in Instrumenten herumkramte; breit und alt stand der Feuerwehrmann vor der Tafel und lXchelte mich an; er lXchelte mXde und traurig, und sein bXrtiges, schmutziges Gesicht war wie das Gesicht eines Schlafenden; an seiner Schulter vorbei auf der schmierigen RXckseite der Tafel sah ich etwas, was mich zum ersten Male, seitdem ich in diesem Totenhaus war, mein Herz spXren machte: irgendwo in einer geheimen Kammer meines Herzens erschrak ich tief und schrecklich, und es fing heftig an zu schlagen: da war meine Handschrift an der Tafel. Oben in der obersten Zeile. Ich kenne meine Handschrift: es ist schlimmer, als wenn man sich im Spiegel sieht, viel deutlicher, und ich hatte keine MXglichkeit, die IdentitXt meiner Handschrift zu bezweIfeln. Alles andere war kein Beweis gewesen, weder Medea noch Nietzsche, nicht das dinarische Bergfilmprofil noch die Banane aus Togo, und nicht einmal das Kreuzzeichen Xber der TXr: das alles war in allen Schulen dasselbe, aber ich glaube nicht, dass sie in anderen Schulen mit meiner Handschrift an die Tafeln schreiben. Da stand er noch, der Spruch, den wir damals hatten schreiben mussen, in diesem verzweifelten Leben, das erst drei Monate zurXcklag: Wanderer, kommst du nach Spa ...
Oh, ich weiX, die Tafel war zu kurz gewesen, und der Zeichenlehrer hatte geschimpft, das ich nicht richtig eingeteilt hatte, die Schrift zu groX gewuhlt, und er selbst hatte es kopfschXttelnd in der gleichen GrXe darunter geschrieben: Wanderer, kommst du nach Spa ...
Siebenmal stand es da: in meiner Schrift, in Antiqua, Fraktur, Kursiv, RXmisch, Italienne und Rundschrift; siebenmal deutlich und unerbittlich: Wanderer, kommst du nach Spa ...
Der Feuerwehrmann war jetzt auf einen leisen Ruf des Arztes hin beiseite getreten, so sah ich den ganzen Spruch, der nur ein bisschen verstXmmelt war, weil ich die Schrift zu groX gewXhlt hatte, der Punkte zu viele.
Ich zuckte hoch, als ich einen Stich in den linken Oberschenkel spXrte, ich wollte mich aufstXtzen, aber ich konnte es nicht: ich blickte an mir herab, und nun sah ich es: sie hatten mich ausgewickelt, und ich hatte keine Arme mehr, auch kein rechtes Bein mehr, und ich fiel ganz plXtzlich nach hinten, weil ich mich nicht aufstXtzen konnte; ich schrie; der Arzt und der Feuerwehrmann blickten mich entsetzt an, aber der Arzt zuckte nur die Schultern und drXckte weiter auf den Kolben seiner Spritze, der langsam und ruhig nach unten sank; ich wollte wieder auf die Tafel blicken, aber der Feuerwehrmann stand nun ganz nah neben mir und verdeckte sie; er hielt mich an den Schultern fest, und ich roch nur noch den brandigen, schmutzigen Geruch seiner verschmierten Uniform, sah nur sein mXdes, trauriges Gesicht, und nun erkannte ich ihn: es war BirgeIer.
"Milch", sagte ich leise. ..

1950





Генрих Белль. Путник, придешь когда в Спа... (GERM)